Dienstag, 11. Februar 2014

Gottgeweiht - und dann?

Was mir hilft, eine "abgefahrene" Lebensform zu leben.

In meiner Gemeinschaft gibt es im Rahmen der zeitlichen und ewigen Versprechen einen beeindruckenden Moment in der Liturgie. Nachdem wir selbst alle Versprechen abgelegt haben, wird die anwesende Gemeinde gefragt: „Wollt auch ihr unsere Schwestern ehren und unterstützen?“ Und dann antworten hunderte Stimmen in unserem Rücken „Ja, das wollen wir.“ Es gibt ganz viele Formen, uns zu „ehren und zu unterstützen“ - z.B. durch praktische Hilfe im Haus oder eine Einladung zu einem Spieleabend. Doch in den vergangenen Tagen hab ich viel über eine wohl eher nicht so vermutete Form der Unterstützung nachgedacht – die (und das schreibe ich jetzt aus ganz persönlicher Perspektive), viel von mir zu erwarten.

Immer wieder hören und lesen wir von Priestern und gottgeweihten Personen, die mit der einen oder anderen „Pflicht“, die ihr Lebensstand beinhaltet, kämpfen und auch gelegentlich versagen. Wahrscheinlich denken da jetzt alle an den Zölibat, aber es gibt ja noch so viel mehr, was zu diesem Leben dazu gehört: Armut, Gehorsam, Gebet, Treue zu den Sakramenten, zum Apostolat der eigenen Gemeinschaft, Nächstenliebe im Alltag usw. Ich habe mich in Freiheit für die gottgeweihte Lebensform entschieden – und auch ich kämpfe immer wieder mit dem einen oder anderen Punkt. Ich erlebe auch, dass ich versage. 
 
Die Welt“, d.h. die Kollegen, Nachbarn, Freunde, Gemeindemitglieder ist dann sehr schnell mit kurzschlüssigen Erklärungen, v.a. aber mit einer Menge Verständnis – sie scheitern ja schließlich auch an manchen Vorgaben und Idealen. Und da scheint es wohl auch ein bisschen Balsam für die Seele zu sein, dass auch die Gottgeweihten nicht alles auf die Reihe bekommen und Menschen sind. So weit, so gut.

Aber genau hier beginnt für mich der Fehler: Wenn es nur darum geht, Verständnis zu zeigen, dann ist man sehr schnell dabei, das Ideal, die Vorschrift als „unmenschlich“ oder als zu unrealistisch abzutun. Und genauso schnell ist man dabei, diesen Anspruch herunterzuschrauben und zu fordern, diese oder jene Verpflichtung aufzuheben oder zu lockern oder nicht gleich Schuldgefühle zu entwickeln, wenn man es nicht packt. Doch das ist grundfalsch.

Was ich als Gottgeweihte brauche, ist nicht eine Minimalisierung auf das Machbare, was ich brauche, ist die Erwartung meiner Mit-Menschen, dass ich mich um die Heiligkeit bemühe – jeden Tag neu, auch nach dem hundertsten Scheitern. Denn auch das ist es, was mir hilft, an die Treue Gottes zu glauben und mich selber immer wieder um die Treue zu bemühen. Natürlich, wenn ich mich nur noch an die Verpflichtungen halten, weil es die anderen von mir erwarten, dann ist das zu wenig. Aber wenn ich ständig höre, dass es doch total unnormal und unmenschlich ist, wofür ich mich in Freiheit und Liebe entschieden habe, dann ist das keine Unterstützung - und schon gar kein "ehren".

Erwartet nicht, dass ich perfekt bin, aber erwartet, dass ich mich immer wieder darum bemühe, heilig zu werden – so, wie sich jeder Christ darum bemühen sollte. Eine gottgeweihtes Leben ist eine Antwort auf den Ruf Gottes. Nur weil ER mich gerufen hat, kann ich diese Lebensform leben, um die Treue ringen, wieder aufstehen, weiter gehen. Weil ich bei jedem Versagen (oft ist es eine Vielzahl von Kleinigkeiten, die sich dann aber doch recht summiert) erkenne, wie groß die Liebe Gottes ist, dass ER seinen Ruf nicht zurückzieht und weil ich immer tiefer verstehe, dass das eigene Bemühen nur ein Wassertropfen ist im Vergleich zur Gnade Gottes, auf die allein es ankommt.

Das gottgeweihte Leben ist nichts, was ich allein und nur um meiner selbst willen lebe. Es ist immer ausgerichtet auf Gott und gleichzeitig eingebettet in diese Welt – in konkrete menschliche Beziehungen.

Darum bitte ich euch: Trauert mit uns, wenn wir schwach sind, aber vor allem: Hofft mit uns, vertraut mit uns, glaubt mit uns, dass die Barmherzigkeit Gottes größer ist als unsere eigene Schwäche und ermutigt uns mit euren Erwartungen in uns, erinnert uns an unser Versprechen, an unsere erste Liebe, an die Freude des Dienstes an Gott und den Menschen. Nur mit eurer Hilfe können wir in der Treue wachsen. Und nur dann können wir den Auftrag Gottes erfüllen, mit unserem Leben auf sein Reich hinzuweisen.