Sonntag, 30. November 2014

Jahr des geweihten Lebens II

Gestern hab ich unseren Videoclip zum Jahr des geweihten Lebens verlinkt, nun möcht ich ein bisschen den Blick auf weitere Materialen und Links dazu lenken. 
  • Zum einen gibt es ein eigenes Logo für dieses Jahr. Die umfassende Erklärung für dieses Logo hat Radio Vatikan veröffentlicht. Was mich da anspricht, sind v.a. die Schriftzüge: "geweihtes Leben in der Kirche heute" heißt es da. Das zeigt, dass es auch um neuere Formen des geweihten Lebens geht und dass es um die Frage geht, wie diese Lebensform in der Kirche heute aussieht.
    Die Worte "Evangelium. Prophetia. Spes" (Frohe Botschaft. Prophezeiung. Hoffnung) beinhalten ein ganzes Lebensprogramm. Ich hoffe, dass ich Gelegenheit finde, noch näher darauf einzugehen.
  • Auf der Seite der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens findet man das begleitende Schreiben "Freut euch" in verschiedenen Sprachen. Auf Deutsch hat es die Deutsche Ordenskonferenz hier übersetzt und veröffentlicht.
  • Die Tagespost hat ein gutes Interview mit dem Vorsitzenden der deutschen Ordensoberenkonferenz veröffentlicht: klick
Ein bisschen schade allerdings finde ich, dass im deutschsprachigen Raum dieses Jahr als "Jahr der Orden" geführt und gestaltet wird. Ich schätze die Orden und Klöster sehr, halte es aber nicht für gerechtfertigt, das, was vom Vatikan als "Jahr des geweihten Lebens" gedacht ist, einzig und allein auf das Ordensleben zu konzentrieren. So wird in meinem Empfinden das Thema durch ein eigenes Logo und einen eigenen Namen von der ursprünglichen Weite (die angesichts der Realität von gottgeweihten Berufungen außerhalb der Orden angemessen ist), eingeengt. Schade. In meinen Augen eine verpasste Chance. Ich werde hier immer vom Jahr des geweihten Lebens sprechen.

Blogoezesaner Adventskalender

Innerhalb weniger Stunden entstand das spontane Projekt eines Adventskalenders der katholischen Blogger. Das erste Türchen könnt ihr heute bei Andrea öffnen. Dort findet ihr auch den Link für das nächste Türchen. Einige Blogoezsanen haben gleich einen komplett verlinkten Kalender online gestellt. Da ich so etwas nicht beherrsche, verlinke ich gern dahin: klick und klack
Irgendwann bin ich dann auch dabei.

Samstag, 29. November 2014

Jahr des geweihten Lebens

Mit dem neuen Kirchenjahr beginnt auch das Jahr des geweihten Lebens. Mit dieser weiten Widmung sind auch viele Formen des gottgeweihten Zölibats außerhalb des klassischen Ordenslebens eingeschlossen - darunter auch die, in der ich lebe. Unsere Gemeinschaft hat dazu ein nettes Video gemacht. Leider sind die Bilder aus unserer Hausgemeinschaft wohl zu spät angekommen. Anschauen lohnt sich aber in jedem Fall!

Donnerstag, 27. November 2014

Was man als Christ so macht


© Plaßmann

Im Rahmen des Bloggertreffens in Erfurt wurde die Plaßmann-Challenge ausgerufen. Hier meine Antwort dazu:
 
Die Szene, die Plaßmann in seiner Karikatur darstellt und ist für mich weder aktuell noch prophetisch. Die Frage hab ich schon vor ca. 30 Jahren gestellt bekommen. Damals war ich in einer ostdeutschen Kleinstadt grad in die Schule gekommen und erstmals dämmerte mir, dass es eine ganze Menge Leute gibt, für die Gott und die Kirche exotischer sind als für mich der Gedanke, eines Tages einfach so nach Kanada oder Australien reisen zu können. Mit meinen sieben Jahren fühlte ich mich der Frage dennoch gewachsen. Ich antwortete arglos und wahrheitsgemäß – ohne zu ahnen, dass mein Vokabular bei meinen Mitschülern noch mehr Rätsel auslöste. Ich weiß noch, dass ich davon sprach, dass wir am Sonntag in die Messe gehen – und nicht im entferntesten daran dachte, dass das für meine Mitschüler so klang, als wär ich auf einer Modelleisenbahn- (oder was auch immer-) Ausstellung. Schon damals also galt es, zwei Welten, die eher neben- als miteinander existierten, irgendwie miteinander ins Gespräch zu bringen. Und schon damals war das eine gewaltige Herausforderung, der ich letztlich doch nicht gewachsen war. Und sehr bald lernte ich, dass die Differenzen zu groß sind, dass es besser ist zu schweigen und das, was mich im innersten bewegt, nicht Leuten preiszugeben, die sich bestenfalls kaum dafür interessierten, viel häufiger aber spotteten. Hätte man mich damals gefragt, was Christsein für mich bedeutet, hätte ich sicher gesagt: Anders zu sein.

Und heute? Ich hab hab meine Sprachfähigkeit wieder entdeckt und gelernt, in der Evangelisation auf das „Ampel-Prinzip“ zu achten. Wenn mein Gegenüber nur rote Signale aussendet, rede ich über Alltägliches, wenn aber grün zu sehen ist, dann will ich ihm gern etwas sagen können über den, der mein Leben in seinen Händen hält. Vielleicht ist auch das verschwendet – aber die Liebe ist nun mal verschwenderisch. Und Gott bittet mich auszusäen. Es ist nicht an mir zu bewerten, was mit der Aussaat geschieht. Wichtiger aber als die Frage, ob ich was und wie über Gott und die Kirche sagen kann, ist die Frage, wie ich den Menschen begegne. Wenn ich nur mit Worten Gott bezeuge, nicht aber mit Taten oder mit meiner Haltung – mit dem Interesse, das ich für den einzelnen zeige, mit meinem Da-Sein -, dann werden die Worte einfach im Raum verhallen. Also ist alles, was ich hier schreibe, sehr unvollkommen. Denn ein Text kann nur Worte transportieren. Im realen Leben kann ich Gott hoffentlich ein bisschen vielfältiger bezeugen.

Doch zurück zur Karikatur. In ihr ist die Ampel schonmal grün, denn die Frage steht ja durchaus im Raum. Also würde ich schon antworten.
Als Christ lebe ich. Ich stehe morgens auf, frühstücke, ich gehe zur Arbeit, halte Kontakt zu Familie und Freunden, ich pflege Hobbys, habe Pflichten, Ärgernisse und Freuden. Ich rede täglich mit Gott (Gebet), ich vertraue ihm an, was mich bewegt. Wenn ich Mist baue und mich meine Schwächen und Fehler abstürzen lassen, red ich auch darüber mit Gott (Beichte) – und steh wieder auf. Ich bin froh, nicht allein unterwegs zu sein. Der Austausch und die Gemeinschaft mit anderen Christen (Kirche) ist mir eine echte Stütze und oft auch Ansporn.
Vor allem aber: Ich lerne loszulassen – meine kleinen Absicherungen, meinen Perfektionismus, meine fixen Ideen, meine „Ich-muss-alles-im-Griff-haben-Mentalität“. So lerne ich, immer freier zu werden. Ja, ich fühl mich als Christ wirklich ungeheuer frei. Ich weiß, dass das vielen überhaupt nicht plausibel ist. Aber es ist so. Denn zu wissen, dass Gott mich bedingungslos in großer Liebe und ganz persönlich anschaut, befreit mich von dem Bild, dass ich nur dann etwas wert bin, wenn ich viel leiste, alles immer richtig mache, schön aussehe oder besonders sympathisch bin. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ich mich über alles hinwegsetze und einfach nur „mein Ding“ durchziehe. Aber diese bedingungslose Blick der Liebe Gottes auf mich und meine Realität ist der Grund, auf dem ich stehe. Und es ist ein unglaublich fester Grund, der mir vor allem innere Freiheit, einen tiefen Frieden und eine große innere Freude schenkt. All das wirkt sich unweigerlich auch auf meinen Alltag aus. Mein Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, meine sozialen Kontakte, sogar mein Ärger – all das – ist davon durchdrungen. Und das macht wirklich alles anders.


Sonntag, 23. November 2014

Hirtenwort

Sein erstes Hirtenwort widmet Bischof Stefan Oster dem Thema "missionarische Kirche". Hier kann man es komplett finden: klick

Ein Zitat daraus:
Immer wird von Ihm gesprochen. Aber die Frage ist: „Findet das nur in meinem Kopf statt?“ Sage ich – wenn ich das Wort Jesus spreche – ein theologisches Wort, das ich halt irgendwann gelernt habe? Oder sage ich es, weil ich wirklich von Ihm selbst berührt worden bin, weil ich Ihn kenne, weil ich mit Ihm eine Erfahrung gemacht habe wie diese Frau? Liebe Schwestern und Brüder: Über Jesus etwas nur im Kopf zu wissen einerseits und mit Ihm in einer persönlichen Beziehung zu leben andererseits, ist ein buchstäblich himmelweiter Unterschied.

bewahrt euren Frieden

Die Botschaft des syrischen Flüchtlingschors, der kürzlich in der Satire-Sendung "Die Anstalt" auftrat, gipfelt in dem Satz "Bitte Deutsche, bewahrt euren Frieden!". In den letzten Tagen erst hörte ich einen christlichen Araber aus Israel angesichts der Frage, ob er in den Ferien nicht nach Hause fahren wolle, sagen: "Nein, ich will ein Jahr lang einfach im Frieden leben."

Dienstag, 11. November 2014

Gottes Bild von mir

Mit einer Gruppe junger Frauen habe ich heute das Video gesehen, in dem es um das Selbstbild im Vergleich zu dem Bild, das andere von mir haben, geht. 


Ich vermute, dass auch bei mir, das Selbstbild negativer ausfiele als das, was jemand anderes von mir beschreiben würde. Doch dann fragte ich mich, wie ein solches Bild aussähe, wenn Gott es dem Phantomzeichner beschrieben hätte. Zum einen wär der gute Mann wohl kaum in der Lage gewesen, das zu Papier zu bringen, zum anderen vermute ich, dass da ein regelrechtes Feuerwerk zu Papier gebracht werden müsste. Der Gedanke an dieses uneinfangbare Phantombild meiner selbst aufgrund der Sichtweise Gottes ist ... wahou ... und lässt mich mit einem Lächeln durch den Tag gehen.

(P.S. Hier kann man die Seite dazu anschauen - mit einigen Abbildungen der Zeichnungen: klick

Sonntag, 9. November 2014

Ver-rückte Zeit

Wenn man mich in diesen Tagen nach meinen Erinnerungen an den November 1989 und die darauffolgende Wende-Zeit in einer ostdeutschen Kleinstadt fragt, dann ist dies die Überschrift, unter die ich die Vielfalt der Eindrücke versammeln kann: 

Es war eine verrückte Zeit.

Mein 13. Geburtstag war nicht mehr weit, ich besuchte die 7. Klasse. Und der Ort, wo ich hautnah erlebte, wie Geschichte sich anfühlt, war nunmal die Schule. Die Lehrer waren allesamt total verunsichert. Glücklich jene, die nur Naturwissenschaften unterrichteten. Aber selbst ihnen war anzumerken, dass sie nicht so richtig wussten, wie sie sich verhalten sollten. Es folgte eine Phase ständiger kurzfristiger Änderungen. Hier ein paar Erinnerungen daran:
  • Ich glaub, als erstes wurde das allseits ungeliebte Fach "Staatsbürgerkunde" abgeschafft. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, auch nur eine einzige Stunde nach dem Mauerfall gehabt zu haben. Die Stabü-Lehrerin fiel erstmal für ein paar Monate aus. Man munkelte was von Nervenzusammenbruch. 
  • Dann wurde der Samstagsunterricht sukzessive abgeschafft. Zunächst ad hoc - d.h. irgendwann in der Woche bekamen wir die Nachricht, dass der Samstag schulfrei sei. Aber schon nach kurzer Zeit war es dann fix. Ich weiß noch, dass mein 13. Geburtstag der erste "endgültige" schulfreie Samstag war. Ein schönes Geschenk.
  • Die Russisch-Lehrerin ließ uns in unserem Redewendungs-Vokabel-Heft alle sozialistischen Redewendungen herausstreichen (adios towarischtsch).
  • Der Umbau des Schulsystems dauerte etwas länger. In der 8. Klasse war ich noch an derselben Schulform. Neu war, dass es für Mathe und Physik Leistungskurse gab. D.h. an einem Tag pro Woche hatte ich jeweils mit meiner normalen Klasse zusammen Unterricht, an den anderen Tagen mit den besten von der Parallelklasse zusammen. Das war nicht so geschickt, weil wir ständig zwischen den beiden Niveaus hin- und her-switchen mussten, aber es war ein Anfang.
    Mit Beginn der 9. Klasse war ich dann auf dem Gymnasium, zu dem meine Schule geworden war.
  • Am deutlichsten merkte ich die anhaltende Verunsicherung im Fach Geschichte. Ich habe viermal die Französische Revolution behandelt (Kl. 7,8,10 und 12), aber nie etwas vom Investiturstreit gehört. Und - besonders spannend - jedesmal hatte die Französische Revolution einen anderen Charakter. Spätenstens da begriff ich, dass Geschichte kaum ideologiefrei gelehrt wird.
  • Dann war da die Sache mit der Jugendweihe. Für mich war es klar, dass ich das nicht mitmache. Aber in der 8. Klasse wurde sie halt angeboten. Und ich war allen Segnungen der neuen Freiheit zum Trotz die Einzige, die nicht mitgemacht hat. Das hat meinen Beliebtheitsgrad nicht gerade gesteigert. Meine Mitschüler kapierten es einfach nicht, dass ich auch jetzt - wo die Feier doch ganz ideologiefrei sei - nicht mitmachen wolle. Ich weiß noch, dass eine Reporterin mit uns sprechen wollte, um die Gründe zu hören, warum man mitmache. Es war in der Pause und die Teilnahme an dem Gespräch war freiwillig. Als ich mich auch in die Klasse setzte, wurde ich regelrecht angegriffen, was ich denn hier wolle. Mir war es ein Anliegen, auch eine Gegenstimme abgeben zu können. Und tatsächlich fragte die Reporterin, wer denn nicht mitmache. Als ich dann meinen Standpunkt erklärte ("Meine Geschwister haben das unter viel schwierigeren Umständen nicht mitgemacht. Außerdem habe ich den Eindruck, dass es für die Mitschüler nur ein Geschenkefest ist."), griff die Aufsichts-Lehrerin ein, dass das nicht wahr sei. Meine Geschwister hätten keinen Druck bekommen. Pikanterweise war sie die Klassenleiterin meines Bruders gewesen, der sehr wohl davon berichtet hatte, dass er Druck bekommen hatte. Ich scheute mich nicht, es dieser Lehrerin im Angesicht der ganzen Klasse und der Reporterin so zu sagen. 
  • Im Gymnasium angekommen, eröffnete sich für mich eine neue Welt: Ich war nicht mehr die einzige Christin. Wir waren 9 (in Worten: neun)! Das war eine unglaublich schöne Erfahrung für mich. Schnell gewann ich da Freunde.
  • Meinen ersten Dämpfer am Gymnasium erhielt ich im Fach Englisch. Ich hatte schon aber der 7. Klasse fakultativen Englisch-Unterricht - am Nachmittag, von unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin. Und da hatte ich immer die besten Noten. Ich konnte viele Vokabeln, aber keine Grammatik. Als nun die neue Lehrerin vor uns stand und nur Englisch redete, war ich total verloren. Und da war ich nicht die Einzige. Zum Glück blieb diese gute Lehrerin ihren Prinzipien treu und verlangte nicht weniger von uns. Wir hatten in diesem ersten Jahr allesamt grottenschlechte Noten, aber nach und nach haben wir uns hineingefunden. 
  • Ansonsten war unsere Generation wohl sehr leistungsorientiert. Wir alle wussten, dass wir eine Chance bekommen hatten, die in der DDR nicht möglich gewesen war. (Die weiterführende Schule für das Abi konnten pro Klasse ca. 2-3 Leute machen - und zwar nur, wenn der Studienwunsch und das politische Verhalten konform waren. Engagierte Christen waren da ausgeschlossen.) Und wir lernten mit Eifer. Vielleicht nicht immer mit Begeisterung, aber doch mit Eifer. Für mich eröffnete sich eine neue Welt. Ich sog das Wissen regelrecht auf. Ich gehörte zum ersten Geschichts-Leistungskurs meiner Schule. Als ich Jahre später unsere Lehrerin wieder traf, sagte sie mir: "Einen so motivierten Kurs wie Ihren hatte ich nie wieder."
  • Ein weiterer Dämpfer war, dass Religion plötzlich ein benotetes Schulfach war. Wir hatten Reli weiter beim Pfarrer im Pfarrheim, aber dass es benotet wurde, fand ich doof. Unser lieber Pfarrer war nämlich mit dem Zensurenvergeben ziemlich ungeübt und vergab die Note daher aufgrund einer einzigen Prüfungsleistung. Und bei der Frage, die ich abbekommen habe, bin ich ziemlich geschwommen. Ich war ganz froh, dass das in meiner Schule schließlich nicht auf dem Zeugnis gelandet ist. (In Ermangelung von Ethik-Unterricht wurden keine Noten in diesen Fächern ins Zeugnis aufgenommen.)
Und sonst? Ich hatte Glück. Obwohl in meinem Ort in den nächsten Jahren ca.18 von ca. 20 Betrieben "dicht" machten, hatten meine Eltern weiterhin Arbeit. Papa konnte endlich auch Karriere machen und hat viel dazu beigetragen, dass seine Firma den holprigen Übergang in den "Westen" mit Bravour gemeistert hat. Das hat ihm unglaublich gut getan. Er ist regelrecht aufgeblüht und die Papa-Tochter-Beziehung hat sich enorm verbessert. Es war einfach so spannend, ihn über seine Arbeit auszufragen. Auch die materielle Sicherheit war da. Außerdem hatten wir viel West-Verwandtschaft, die nun natürlich ausgiebig besucht wurde. 1990 war ich so beim Düsseldorfer Karneval. Bei der Gelegenheit dieses Besuches hab ich auch das erste Mal eine Litschi-Frucht gegessen. Ein halbes Jahr später folgte meine Schwester ihrer Liebe in eben diese Stadt. Mein Bruder und seine (künftige) Frau sahen auch nur wenig Zukunft im Osten. Der Geburtenknick nach der Wende machte es unmöglich, dass sie als Hebamme Arbeit fand. Also zogen die beiden auch an den Rhein. Inzwischen ist unsere komplette Familie im Westen gelandet. Das ist ein seltsames Gefühl. Nur noch das Grab meiner Oma gibt mir Anlass, meine Heimatstadt aufzusuchen. Naja, vielleicht macht mein Neffe ja einen ersten Schritt zurück - er macht gerade eine Ausbildung in Sachsen.
Und das Reisen war so eine Sache. Nicht reisen zu können, war für mich mit meinen 13 Jahren die am stärksten empfundene Einschränkung. Kaum war die Grenze offen, reisten wir. Es war wie ein Rausch. Mein erstes "Ausland" war Österreich - dazu ein kleiner Abstecher nach Italien. Dann ging es nach Frankreich - mit einer Stippvisite in der Schweiz, nach Bayern, ins Sauerland, nach Dänemark, Schweden und Norwegen und schließlich noch nach Irland. Jedes Jahr entdeckte ich mindestens ein neues Land - und überall, sogar auf der entferntest Fähre auf einem norwegischen Fjord - trafen wir auf Landsleute. Es war phänomenal.