Freitag, 11. September 2015

Heidenauer Friedensgebet

Kürzlich hatte ich auf das Ökumenische Friedensgebet in Heidenau hingewiesen, das die Antwort der Kirchen vor Ort auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen ist. Hier nun kann man ein paar nette Fotos davon anschauen: Klick.
Die Augenblicke, in denen ich meine Heimatkirche so voll erlebt habe, sind extrem rar. Insofern geben mir diese Bilder doppelten Grund zur Freude.

Dienstag, 8. September 2015

Bischöfliche Abschiedsworte

Heute hat sich Erzbischof Heiner Koch von seinem Bistum Dresden-Meißen verabschiedet. Auf der Homepage des Bistums kann man die komplette Predigt nachlesen. Ich möchte hier einfach ein paar Zitate herausgreifen:
Dass der Mensch in dieser Frage seine Glaubensentscheidung treffen kann, macht seine Größe und seine Würde aus. Zu einer Entscheidung aber kann er bewusst nur kommen, wenn er sich der Alternativen seines Lebens in dieser seiner Glaubensgrundentscheidung bewusst ist. Wie aber soll er von der christlichen Lebensalternative erfahren, wenn niemand von ihr zu ihm spricht, wenn niemand ihm das Evangelium verkündet, die frohe Botschaft vom Sinn seines Lebens in Gott. Ohne unsere Verkündigung ist ihm keine Entscheidung möglich. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Christen die Gottesfrage in Sachsen und Ostthüringen hier und heute nicht verstummen lassen, dass wir sie vielmehr durch unser Leben, durch unser Sein, durch unser Tun und durch unser Reden immer wieder präsent werden lassen für alle Menschen und dadurch vielleicht manche aufrütteln. Eine Kirche, die niemanden aufrüttelt, ist überflüssig wie ein Feuerwerkskörper, der nie gezündet wird.
Jedem Menschen ruft das Evangelium zu: Du bist wichtig, du bist groß. Unter den 107 Milliarden Menschen, die bisher auf der Erde gelebt haben, bist du ganz einmalig mit deiner Stärke, mit deinen Grenzen, mit deiner Macht, mit deiner Ohnmacht. Lebe groß, lebe verantwortlich! Lebe verantwortlich vor Gott, der dir dein Leben geschenkt hat und dem du es wieder geben wirst. Von dieser Botschaft dürfen wir niemandem gegenüber je schweigen. Es kann doch nicht sein, dass in Sachsen ein Mensch stirbt, ohne durch uns mit dieser Frage und dieser Botschaft einladend, herzlich, engagiert und ehrlich konfrontiert zu werden.
Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Hier ist der komplette Text nachlesbar: klick

Freitag, 4. September 2015

Auch das ist Heidenau

Ich habe heute mit meinen Eltern telefoniert (die schon seit fast zwei Jahren nicht  mehr in Heidenau leben). Und die erzählten mir, dass sie gestern der Heidenauer Pfarrer angerufen habe, um voller Freude vom 2. Ökumenischen Friedensgebet zu erzählen, dass diesmal in der kath. Kirche stattgefunden hatte. Rappelvoll war sie. Auch viele Nichtchristen sah man unter den Gästen. Flüchtlinge, die schon etwas länger in Heidenau leben, erzählten von ihrer Flucht und ihrem Leben, von ihren Erfahrungen in Heidenau. Danach gab es Zeit zur Begegnung. Es muss schön gewesen sein. Danke, Heidenau.

Das war den Medien leider keine deutschlandweite Berichterstattung wert. Aber immerhin die Regionalpresse war da. Hier ein Link zum Artikel: Klick

Dienstag, 1. September 2015

Ich komme aus Heidenau

Zugegeben, ich neige zum Lokalpatriotismus. Jetzt, da ich im fernen Bayern lebe, sag ich oft, dass ich aus Dresden komme. Als ich in Dresden studiert und gearbeitet habe, sagte ich, dass ich aus Heidenau komme. Als ich in Heidenau zur Schule ging, sagte ich, dass ich in Dohna lebe. Ja genau, ich bin mit diesem Ort, der seit gut zehn Tagen zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit, gescheiterte Ausländerpolitik und rechtsextreme Gewaltbereitschaft geworden ist, verbunden. Ich bin dort zwölf Jahre zur Schule gegangen, 30 Jahre zur Kirche, 24 Jahre zum Zahnarzt, habe jeden Sonntag die Heidenauer Oma besucht und habe schließlich auch fünf Jahre dort gelebt. Als ich vor einer Woche aus den Schweigeexerzitien zurückkehrte, hatte ich Mühe, das Autosteuer ruhig weiterzulenken, als ich im Radio von der Situation hörte. "Das kann doch nicht sein", dachte ich. Es traf mich mitten ins Herz. 
Nein, Heidenau ist sicher nicht der schönste Ort der Welt. Das bedeutendste an diesem kleinen Ort war aus meiner Sicht die geniale Lage (und gute Anbindung) zwischen der wirklich schönen Großstadt Dresden, dem schnuckligen Pirna und der Sächsischen Schweiz. Auch die Lage an der Elbe fand ich immer schon toll. Ansonsten ist der Ort eher reizlos. Aber irgendwie war er doch auch mein Zuhause. 
Nach dem Krieg fand meine Großmutter zusammen mit meinem Vater hier Aufnahme - vertrieben aus den sudetendeutschen Gebieten, genau wie die Familie meiner Mutter, die es in die Lausitz verschlug. Ich bin aufgewachsen mit den Geschichten von Flucht und Vertreibung, Betteln um Brot und Milch, von ungern gewährter Aufnahme im Nachkriegsdeutschland, von bitterer Armut, Depression, auch von Tod. Heidenau war damals ein Ort, an dem meine Großmutter und ihr Sohn nach langer Odyssee einen Platz fanden, wo sie bleiben konnten, an dem sie ihre Zukunft in die Hand nehmen konnten und an dem mein Vater schließlich selbst (wenn auch unter einfachen Bedingungen) eine Familie gründen konnte. Schon seit Beginn der Flüchtlingsströme in diesem Jahr denke ich immer wieder daran, wie sehr die Vertreibung und die Heimatlosigkeit meine Familie geprägt hat und fühle mit den aktuellen Flüchtlingen mit.
Und ich fass es nicht, was jetzt in Heidenau geschieht. Ich frage mich, ob ich was verpasst habe, denn von solchen fremdenfeindlichen Anwandlungen hab ich in all den Jahren nie etwas mitbekommen. Vielleicht hab ich mich einfach in den falschen Kreisen bewegt. Meine Freunde stammten aus der Pfarrei oder aus dem Theologiestudium und der KSG in Dresden. Ein bisschen mehr Nähe zu den Menschen ergab sich bei der Flut 2002, als man plötzlich gemeinsam gegen das Hochwasser kämpfte und einander beistand. Vor acht Jahren hab ich den Ort verlassen. Hat sich die Lage seither so dramatisch verschlechtert oder war ich wirklich blind? Es ist sicher möglich, sich an einem Ort wohlzufühlen und die allgemeine Meinung nicht mitzubekommen, wenn man sich in kleinen erlesenen Nischen bewegt. Ein Teil von mir fragt sich bang, ob unter den Krawall-Rechten und ihren Zuschauern Leute waren, die mit mir zur Schule gegangen sind oder meine Nachbarn waren, ein anderer Teil will sich zu glauben weigern, dass die Szenen vor der Flüchtlingsunterkunft tatsächlich von Heidenauern initiiert worden sind. Ich werde mit dieser Zerissenheit und auch mit dem Bild leben müssen, dass die Menschen in Heidenau nicht so gemütlich sind, wie ich es in Erinnerung habe.
Und meine Taktik, wenn ich mich vorstelle, hat sich geändert. Bewusst sage ich jetzt "Ich komme aus Heidenau". Mehr als je zuvor fühle ich mich jetzt als Heidenauerin. Ich stehe mit am Pranger, ich bete, bange und fühle mit. Ich hoffe, dass die aktuelle Situation auch zu vielen guten Reaktionen ermutigt. Mehr kann ich jetzt nicht sagen. Mir geht das alles noch viel zu nah.